Eine Geschichte vom Wechsel(n)

Olaf Weberring arbeitete für UniCredit - doch auf der Suche nach einem Job mit Sinn gelang ihm der Quereinstieg bei den Social Impact in München. In diesem Beitrag erzählt er, wie ihm dieser Schritt gelungen ist - von Problemen bei der Jobsuche und Begeisterung im neuen Beruf hinzu Tipps & Tricks für alle, die den Schritt zum Wechsel wagen wollen.

Woher kam dein Wunsch, Deinen Job an den Nagel zu hängen und Dir einen „Job mit Sinn“ zu suchen?

Daran war mein Ehrenamt schuld! Ich arbeitete 2012 noch bei der UniCredit (HypoVereinsbank) die – quasi als CSR-Maßnahme – Verbindungen zu „Joblinge e.V.“ in München hatte. Ich erfuhr von einem Kollegen beim Kaffee davon, dass man dort als Mentor für junge Menschen tätig werden könnte. Das fand ich interessant und so wurde ich Mentor.

Dabei machte ich die wunderbare Erfahrung, dass mein Wirken unmittelbaren positiven Einfluss auf das Leben einiger Menschen hatte und bis heute hat. Das war eine sehr bewegende Erfahrung und stellte meine bisherige Berufswahl nachhaltig in Frage.

Wie lange hat der Umstieg bei Dir gedauert und was waren Deine „Meilensteine“ vom ersten Wechsel-Gedanken bis zum neuen Job?

Der Gedanke reifte noch eine ganze Weile, ohne ein konkretes Ziel zu haben. 2015 wollte die Bank Personal gegen Abfindungen abbauen, da nahm ich die Gelegenheit wahr und reichte meinen Abschied für Ende September ein. Das war noch zur Hochphase der Flüchtlingsbewegung aus Syrien, und so ging ich an den Hauptbahnhof und habe dort ein paar Tage am Empfang mitgeholfen. In den folgenden Monaten bis Anfang 2016 unterstützte ich Joblinge e.V. beim Aufbau ihres Programms für geflüchtete Jugendliche in München (Joblinge KOMPASS). 

Danach fühlte ich mich aber ziemlich orientierungslos und wusste lange nicht so recht, wie es weitergehen sollte. Der Zugang zum dritten Sektor war leider gar nicht einfach. Keine sehr angenehme Zeit, ich war ziemlich verunsichert. 2016 probierte ich dann verschiedene Dinge, unter anderem machte ich ein Praktikum bei Benugo, ein Beweidungsprojekt mit schottischen Hochlandrindern, und arbeitete als Stadtführer, um geistig rege zu bleiben. Aber so richtig ging es nicht voran. Erst Ende 2016, Anfang 2017 kam wieder Bewegung in die Sache.

 Anfang April 2017 erschien dann die Stellenausschreibung des Social Impact Labs München, Anfang Mai erhielt ich die Zusage und Mitte Mai begann ich mit der Arbeit.

Wie hast Du nach einem neuen Job im Nonprofit-Sektor gesucht? Was hat vielleicht besonders gut geklappt, was gar nicht?

Nach einiger Sucherei hatte ich immerhin schon einige der passenden Jobportale identifiziert. Talents4Good, The Changer (heute tbd), goodjobs etc. Ich musste aber feststellen, dass der Großteil der Jobs in Berlin angesiedelt war; ein Umzug kam für mich aber aus familiären Gründen nicht in Frage. Ich fing trotzdem an, ein paar Bewerbungen zu schreiben, nur um das Feedback zu erfahren und um zu sehen, ob ich es über die schriftliche Bewerbung hinaus schaffe. Das gelang mir relativ selten. Ich fragte bei jeder Absage nach, woran es gelegen hatte, bekam darauf aber nur sehr selten Antworten. Was ich bei einer Szene, die sich sehr mit „Wertschätzung“ beschäftigt, ziemlich irritierend fand!

Meine ersten Interviews, so ab November 2016, waren da schon aufschlussreicher. Ich stellte fest, dass sich viele „soziale“ Organisationen zwar bewusst sind, dass sie die Fähigkeiten von Leuten aus Banken, Industrie etc. brauchen, aber gleichzeitig sehr stark mit den Menschen fremdeln, die aus diesen Berufszweigen kommen. Manchmal konnten die gar nicht glauben, dass ich wirklich bei denen arbeiten wollte. Diese Undurchlässigkeit sehe ich als großes Problem. Nicht nur in der Industrie gibt es Vorurteile, im dritten Sektor gibt es sie auch.

Welche Rolle spielte der Karriere-Workshop von Talents4Good bei Deiner Suche?

Ich habe damals am Prototypen des Karriere-Workshops bei Talents4Good teilgenommen, kann also nicht sagen, wie der Workshop heute gestaltet ist. Mir hat es aber tatsächlich geholfen, die Branche besser zu verstehen, was da erwartet wird oder eher nicht. Vor allem hat es mir aber Mut gemacht, Menschen zu treffen, die sich in der gleichen Situation befinden.

Was begeistert Dich an Deinem neuen Job?

Puh, wo soll ich anfangen?! Das Vertrauen der Geschäftsführung, der allgemein wertschätzende Umgang miteinander und nicht zuletzt die gelebte Fehlerkultur. Darüber reden Unternehmen zwar gerne, aber die Realität sieht meistens ganz anders aus. Ich habe dadurch Fähigkeiten bei mir entdeckt, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe! Ich habe eine ganz neue Perspektive auf viele Dinge bekommen, und bin deutlich gelassener geworden. Und natürlich die vielen interessanten Projekte und Menschen. Der Job ist so vielseitig.

Gibt es Dinge, die Dich in dieser für Dich neuen Arbeitswelt irritieren? Also Momente des „Kulturschocks“?

Ich habe ganze Erdbeben an Kulturschocks erlebt! Das war anfangs so irritierend, dass ich mir nicht sicher war, ob ich mich daran gewöhnen würde. Ich kam aus einer Welt, in der es für alles Prozesse, Regeln und Hierarchien gab. Das schränkte einen zwar ziemlich ein, aber die Welt war sehr geordnet. Jetzt war plötzlich alles offen! Wir hatten (und haben) kaum Prozesse, wenige ausformulierte Regeln, äußerst flache Hierarchien. Außerdem sollte ich mit zwei ebenfalls völlig neuen, jungen Kolleginnen den Standort München aufbauen und ein Programm initiieren und durchführen. Anleitung gab es so gut wie keine. Und „Führung“ bedeutet in einem Unternehmen wie den Social Impact Labs halt was völlig anderes als in der Bankenwelt. Das war für mich die schwerste Lektion. Wie führt man Personal in einem solchen Umfeld? Was sind die Erwartungen? Was ist der richtige Ton und Umgang? Wieviel gemeinsame Entscheidungen sind gut? Wieviel Freiheit kann man gewähren? Was macht die Mitarbeiter*innen zufrieden?

Welche Kompetenzen aus der „alten“ Arbeitswelt haben Dir in der Rückschau besonders geholfen, den Umstieg zu schaffen?

Mein Wissen um Strukturen, Organisation und Prozesse war ziemlich hilfreich. Es gilt, einen gesunden Mittelweg zu finden zwischen Ordnung und Freiheit.

Was würdest Du anderen Umsteiger*innen mit auf den Weg geben?

1.) Erkundigt euch vorher über die Gehaltsstrukturen in der Branche! Man verdient in der Regel deutlich weniger als in der Industrie, aus der man kommt. Bei mir war das ein Gehaltsrückgang von gut 40% p.a. Könnt ihr damit umgehen?

2.) Verwendet bei euren Bewerbungen viel Zeit auf eure Motivation. Warum wollt ihr wechseln?  Gab es ein bestimmtes Ereignis? Einen bestimmten Auslöser? Glaubhafte Erlebnisberichte und wie man sich dabei gefühlt hat sind besser als Floskeln. Vergesst nicht, von euren ehrenamtlichen Tätigkeiten zu erzählen, und warum ihr sie macht. 

3.) Zügelt euch bei den Details im Lebenslauf. Welche Projekte ihr wann genau im Detail gemacht habt, interessiert nicht. Fasst das unter verständlichen Überschriften zusammen. Wenn es Tätigkeiten sind, die eine Relevanz für die Stelle haben, dann gerne genauer, aber verständlich aufschreiben. 

3.) Wenn ihr Brüche im Lebenslauf habt oder ungewöhnliche Dinge im Leben gemacht habt: Unbedingt erzählen! Weltreisen, Sabbaticals, Elternzeit, Pflegezeit oder einfach mal so ausgestiegen. Alles okay. In der Branche wimmelt es von solchen Leuten, die dafür sehr viel Verständnis haben.

4.) Die meisten Organisationen bei denen ihr euch bewerben werdet sind klein und oft nicht gut organisiert. Manchmal erhält man nicht mal eine Eingangsbestätigung der Bewerbung, oder einen Zwischenstand. Es ist okay nach zwei Wochen mal nachzufragen, aber bitte nicht ungeduldig werden.

5.) Bewerbungsgespräch: Eher locker. Anzug, Krawatte, Büroschuhe, Kostüme werden in der Regel nicht erwartet und könnten eher den Eindruck erwecken, dass man nicht gut reinpassen könnte

So, jetzt ist es aber aus mir herausgesprudelt! Das liegt daran, dass ich den Weg beschwerlich fand und anderen gerne dabei helfen möchte. Ich hoffe, meine Ausführungen helfen dabei!

© Titelbild: Olaf Weberring, Foto von Kristina Assenova