Vollzeit: Die heilige Kuh der Arbeitswelt

Ob es nun 38,5 oder 40 Stunden plus sind - die Vollzeitarbeit gilt als Standard in der Arbeitswelt. Teilzeitarbeit hingegen braucht zuallererst mal einen triftigen Grund (“Wie, Sie wollen mehr Zeit für sich und Ihre Hobbies haben?”), stößt auf stark problematisierendes Denken (“Wann machen wir denn dann unsere Meetings, wenn Sie nie da sind?”) und gilt als Karrierekiller (“Dieser verantwortungsvolle Job ist in Teilzeit nun wirklich nicht machbar!”). Julia Stark und Annika Behrendt von Talents4Good geben einen Einblick, was Arbeitgeber und Mitarbeitende tun können, damit der Umstieg in die Teilzeitarbeit gelingt,  

Chancengleichheit statt Diskriminierung

Dabei ist die geltende Vollzeit-Norm ein strukturelles Problem nicht nur, aber vor allem, für Mütter und wirkt damit stark diskriminierend. Denn wer nicht in Vollzeit arbeiten kann, blickt nicht nur auf weniger Gehalt, sondern auch auf weniger Rente. Sehr gerne lassen wir uns dazu verleiten, dies als individuelles Versagen zu diskutieren, à la „Die Frauen sind selbst schuld, wenn sie die Pflege ihrer Kinder oder Angehörigen nicht konsequent outsourcen. Wenn sie sich ihren Partnern oder diskriminierenden Vorgesetzten gegenüber nicht dominanter durchsetzen. Und wenn sie sich nicht endlich mal von diesen blöden, gesellschaftlichen Zuschreibungen befreien.“ Vollkommen unterbelichtet ist in dieser Argumentation hingegen, dass Mütter oft Expertinnen auf dem Gebiet der Effektivität sind. Denen macht in puncto “Priorisieren” und “Unnötiges sein lassen” wirklich niemand mehr etwas vor. Wie fair ist es eigentlich, Menschen, die in Teilzeit womöglich ähnlich viel schaffen wie andere in Vollzeit, schlechter zu bezahlen und damit in puncto Altersvorsorge und Karrierechancen strukturell zu benachteiligen?

Effektivität statt Effizienz!

E-Mails, Messenger, Videokonferenzen: Antworten kommen nicht mehr zwei Tage später mit der Post, sondern sind in Echtzeit bei der Empfängerin. Wir arbeiten somit viel verdichteter als in der Zeit vor der Digitalisierung. Logisch wäre: Wer in kürzerer Zeit mehr schafft als noch vor zehn Jahren, kann bei gleichem Gehalt auch eher gehen. Aber darf ich früher gehen, wenn statt Effektivität Zeit bezahlt wird?

Ein Schritt in den frühen Feierabend ist die folgende Erkenntnis:  “Wir verbringen viel Zeit damit, höchst effizient Dinge zu tun, die uns nicht weiterbringen” (frei nach Timothy Ferriss). Heißt: Nur weil wir effizient sind, arbeiten wir noch lange nicht effektiv. Ehrlich: Wie oft erwischen wir uns dabei, sinnlose Anfragen zu bearbeiten, die auch für unser Gegenüber nicht relevant sein können! Und nicht nur das: Wie oft delegieren wir jeden Tag unwichtige Aufgaben “nach unten” weiter, anstatt sie nach 30 Sekunden kritischen Nachdenkens in den Papierkorb wandern zu lassen! Teilzeit-Arbeit ist eine Chance, dies endlich zu lernen. Die Wissenschaft gibt uns Recht: Menschen in Teilzeit arbeiten tatsächlich flexibler und produktiver.

Gesundheit statt Leistung

Wir leben in einem der privilegiertesten Länder der Erde. Freizeit ist kein nice to have. Sie ist die Basis dafür, dass wir gesund und glücklich arbeiten und leben können. Dass wir sozial eingebunden sind und für andere Menschen da sein können. Es ist kein Zufall, dass in einer Leistungsgesellschaft mit Vollzeit-Norm Depression und Burn-Out zunehmen. Es mangelt uns nicht am Wunsch nach einer gesunden Work-Life-Balance, auch nicht an Aufmerksamkeit für das Problem unserer Arbeitsstrukturen, aber an Bewusstsein für eine Lösung.

Die beginnt schon mit kleinen Veränderungen. Sind es denn wirklich nur Vorgesetzte, die uns im Feierabend stören? Oder schreiben wir nicht selbst schnell noch am späten Abend eine Nachricht, um sie von unserer To-Do-Liste streichen? (Und damit ein To-Do auf die Liste unserer Kolleg*innen zu setzen). Fühlen wir uns nicht doch ein bisschen stolz, wenn alle sehen können, wie spät wir noch arbeiten? Und schuldig, wenn andere das tun und wir nicht?

Miteinander statt gegeneinander

Aber es geht auch um die Haltung der Arbeitgeber*innen. Das Versprechen in weniger Zeit noch produktiver zu sein, setzt nicht wenige von uns unter Druck. Die Idee der Teilzeit darf nicht als vergiftetes Geschenk gelten. Sie muss eine ehrliche Inventur unserer Ressourcen, Herausforderungen und Bedürfnisse sein. Und unserer Ängste. Der Angst vor Altersarmut, Erschöpfung und dem Ausgenutzt werden. Und der Angst, mit einem Teilzeitangebot bei gleichem Gehalt den Ruin des eigenen Unternehmens zu riskieren. Wem wäre dann geholfen?

Die Übergangsphase wird nicht leicht, aber genau darum geht es: Strukturveränderung. Und einen offenen Diskurs auch über das, was uns Angst macht, ohne das Gesicht zu verlieren. Wir brauchen mehr Kommunikation auf vertikaler Hierarchieebene wie auf horizontaler Ebene mit Gleichgesinnten. Es geht um einen bewussten Transformationsprozess, der abstreift, was uns nicht mehr dient und Raum aufmacht für eine freundlichere Zukunft. Kreativität, Planung, Evaluation. Damit alle ein bisschen mehr vom Leben haben. Freizeit statt Vollzeit!

Autorinnen: Julia Stark und Annika Behrendt | Talents4Good

Talents4Good beschäftigt 90% der Mitarbeiter*innen in Teilzeit. Das Problem der ungleichen Gehälter und des als größer empfundenen Stresslevels bei diesen Mitarbeiter*innen haben wir (leider!) noch nicht gelöst.

Ab Juli bieten wir für unsere Kund*innen ein Beratungsangebot zu Jobsharing an. Mehr Informationen finden Sie bald hier.

Beitragsbild: © Icons8 Team | Unsplash

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